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Interview

«Wir lassen mit winzigen Kugeln Gebärmutterknoten einfach aushungern»

Von PD Dr. med. Sebastian Kos, EBIR FCIRSE · 2017

Myome in der Gebärmutter können starke Beschwerden verursachen. Häufig wird dann zur Entfernung des Organs geraten. Dabei gibt es heute weitaus schonendere und organerhaltende Methoden, wie die Myomembolisationstherapie.

Die wichtigsten Begriffe kurz erklärt

Embolisation:
Verstopfung der Blutgefässen von innen, in diesem Zusammenhang mittels kleinster Partikel (Kügelchen).

Myome:
Gutartige, von der Gebärmutterwand (Muskelzellen) ausgehende Knoten.

Interventionelle Radiologie / Mikrotherapie:
Spezialisierter Teil der Radiologie, der sich mit minimal-invasiven, bildgeführten Eingriffen beschäftigt.

Dr. Kos, etwa jede dritte Frau trägt ab dem gebärfähigen Alter bis über die Wechseljahre hinaus Myome in der Gebärmutter. Warum sind manche Frauen betroffen, andere wiederum nicht?

Das liegt daran, dass die Veranlagung für Myome, die aus der Muskelschicht der Gebärmutterwand wachsen, unter anderem genetisch bedingt ist. Das Wachstum der Geschwulste ist zudem vom Hormonhaushalt abhängig. Lage, Grösse und Anzahl der Knoten können stark variieren. Von diesen Faktoren hängt es auch ab, ob und in welcher Form Beschwerden auftreten. Verursachen die Myome keine Beschwerden, bedarf es auch keiner Behandlung, da es sich um gutartige Tumoren handelt, also keine Form von «Krebs».

Bei rund 20 Prozent der Frauen mit Myomen treten allerdings typische Symptome auf. Um welche Symptome handelt es sich dabei?

Typische Symptome sind insbesondere lang andauernde starke Regelblutungen und ein dumpfer Beckenschmerz. Des Weiteren auftreten können Schmerzen beim Geschlechtsverkehr,
ein Fremdkörpergefühl im Bauch und ungewollte Kinderlosigkeit. Drückt das Myom auf die Blase, entsteht zunehmender Harndrang. Druck auf den Darm kann mit Verstopfung und Blähungen einhergehen. Viele Frauen belasten die Symptome über Jahre hinweg, bevor sie sich an einen Gynäkologen wenden. Vertane Zeit an Lebensqualität, denn Myome können einfach per Ultraschall-Untersuchung festgestellt und mit verschiedenen Therapieformen sehr gut behandelt, beziehungsweise entfernt werden.

Sie sprachen bereits von verschiedenen Therapieformen. Welche stehen zur Verfügung und wovon hängt es ab, welche konkret zum Einsatz kommt?

Bei einem positiven Befund werden in unserer Praxis im nächsten Schritt mittels Magnetresonanztomographie, kurz MRI, detaillierte Bilder zur exakten Diagnose erstellt.
Wo befindet sich das Myom genau in der Gebärmutter? Wie gross ist es? Sind mehrere Myome vorhanden, die Beschwerden verursachen? Weitere Faktoren, die auf den Therapieentscheid Einfluss haben, sind: das Alter der Patientin, der Stand der Familienplanung und die Symptomatik. Grundsätzlich können Myome medikamentös, chirurgisch oder durch neue moderne Verfahren der interventionellen Radiologie behandelt werden.

Chirurgisch, das kann auch die Entfernung der kompletten Gebärmutter bedeuten. Gerade für jüngere Frauen mit Kinderwunsch eine schlimme Vorstellung …

In der Tat. Die Gebärmutterentfernung, im medizinischen Fachjargon Hysterektomie genannt, sollte immer nur das letztes Glied in der Behandlungskette sein. Sie ist nur selten nötig, zumal es heute moderne organerhaltende Verfahren gibt, mit denen Myome ohne Operation,
schmerz- und risikoarm behandelt werden können. Sie sprechen damit die alternativen
minimal-invasiven Verfahren interventioneller Radiologen an, wie zum Beispiel die Embolisation. Richtig. Die Uterusmyom-Embolisation ist eine wissenschaftlich international anerkannte Methode, bei der, einfach ausgedrückt, die Blutzufuhr zu den Myomen gestoppt wird.
Die Folge: Die Tumoren verhungern sozusagen.
Es ist für den Eingriff, der unter örtlicher Betäubung stattfindet und etwa 60 bis 90 Minuten dauert, lediglich ein kleiner, drei Millimeter grosser Schnitt in der Leistengegend nötig.
Der interventionelle Radiologe führt dann über einen dünnen Plastikschlauch sandkorngrosse, biologisch verträgliche Kunststoffpartikel mit dem Blutfluss in die dünnen Gefässverästelungen der Myome ein.

Und wie geht es den Myomen mit den Kunststoffpartikeln konkret an den Kragen?

Die Funktionsweise der Partikel und die Wirkungsweise der Therapie sind ganz simpel zu erklären: Um wachsen zu können, brauchen Myome Nährstoffe. Diese ziehen sie über die eigene Blutzufuhr, deren Versorgung über die Gebärmutterarterie erfolgt.
Werden die myomversorgenden Gefässverästelungen mit den Kunststoffpartikeln verstopft, wird sozusagen der Hahn abgedreht, die Lebensader ist verschlossen, die Myome «verhungern».
Die behandelten Myome verbleiben in der Gebärmutter.

Sind Patientinnen nach dem Eingriff sofort völlig beschwerdefrei?

Die Patientinnen erhalten für den Eingriff, für die ersten Stunden und je nach Bedarf für wenige Tage eine sogenannte Schmerzpumpe. Hiermit schirmen wir die Frauen von den unmittelbaren Folgen der Minderdurchblutung im Bereich der Myome ab. Diese kann in den ersten Stunden und Tagen sehr schmerzhaft sein, und die optimale schmerztherapeutische Begleitung ist erforderlich, um die Frauen möglichst beschwerdefrei zu halten. In den nächsten Tagen und Wochen ist in der Regel eine rasche Besserung der Schmerz- und Blutungssymptome spürbar.
Bisherige Erhebungen zeigen, dass sich starke Regelblutungen und allfällige Schmerzsymptome in bis zu 90 Prozent der Fälle stark verbessern oder normalisieren. Die Grössenreduzierung der behandelten Myome beginnt innerhalb der ersten drei bis vier Monate. Damit können auch die genannten Druckgefühle auf andere Organe gelindert werden. Der Schrumpfungsprozess kann manchmal über Monate andauern.
Da Myome nicht von heute auf morgen gewachsen sind, ist die behutsame Reduktion eine natürliche Reaktion des Körpers. Bei einigen Frauen wurden Grössenreduktionen der embolisierten Myome von bis zu 50 Prozent beobachtet.

Was gilt es im Vorfeld zu beachten?

Wichtig ist immer ein ausführliches Gespräch, in dem der Arzt die Patientin über alle infrage kommenden Methoden und deren mögliche Risiken und Erfolgschancen aufklärt.
Letztlich entscheidet nicht der Arzt, sondern die Patientin. So kann der Arzt zwar eine Embolisation für die beste Wahl halten, wenn jedoch die Frau noch einen Kinderwunsch hat, wird sie sich eher für ein anderes Verfahren entscheiden oder sollte dies zumindest geprüft haben, da aufgrund unzureichender Datenlage zum heutigen Zeitpunkt nicht sicher gesagt und vorhergesehen werden kann, ob die Fruchtbarkeit der behandelten Frau erhalten bleibt. Daher rate ich meinen Patientinnen dazu, eine Myomembolisation in der Regel erst nach abgeschlossener Familienplanung durchführen zu lassen. Es gibt jedoch auch Frauen, die nach dem Embolisationseingriff schwanger geworden sind. Diese beratenden Gespräche und Abklärungen bieten wir als Spezialisten gerne auch im Sinne von Zweitmeinungen an, wenn Frauen sich unsicher sind, welche Option für sie die beste ist.

Gibt es Patientinnen, für die der Eingriff nicht infrage kommt?

Mögliche Vorerkrankungen, Veränderungen des kleinen Beckens und eine Hormonbehandlung sollten im Vorfeld mit dem behandelnden Arzt besprochen und eine Verhütungsspirale
– falls vorhanden – entfernt werden. Auch darf zum Zeitpunkt der Untersuchung keine Unterleibsentzündung vorliegen. Ein Abstrich vom Gebärmutterhals sollte unauffällig sein.
Bei einem ausführlichen Vorgespräch mit dem interventionellen Radiologen können Frauen allfällige Allergien benennen und so das Risiko einer allergischen Reaktion auf die notwendigen Kontrastmittel und Medikamente reduzieren respektive verhindern.

Gibt es weitere mögliche Risiken?

Die mit dem Eingriff verbundenen Risiken sind minimal. Es kann, wie bei jedem Kathetereingriff im Gefässsystem, ein Bluterguss in der Leistenregion entstehen – sowie eine Entzündung. Sehr selten kann sich das Myom im Verlauf entzünden. Ausserdem ist es möglich, dass nach der Embolisation die Menopause einsetzt. Je näher die Frau der Menopause ohnehin ist, desto wahrscheinlicher ist dieser Verlauf.

Wie schnell sind die Patientinnen wieder auf den Beinen?

Es hiess, dass die ehemalige US-Aussenministerin Condoleezza Rice bereits zwei Tage nach dem Eingriff wieder zur Arbeit erschienen sei. Doch das ist sicher ein extremes Beispiel und wohl auch etwas unvernünftig. Bei uns bleibt die Patientin nach dem Eingriff für zwei bis vier Tage zur schmerztherapeutischen Begleitung und Beobachtung stationär. Ich plädiere für eine anschliessende Schon- beziehungsweise Auszeit von rund ein bis zwei Wochen. Die langfristige Nachsorge erfolgt durch den Frauenarzt. Es wird empfohlen, Nachsorgeuntersuchungen zur Kontrolle zum Beispiel nach drei, sechs und zwölf Monaten durchzuführen.

Ist das Verfahren von den Krankenkassen anerkannt?

Der Nutzen und Erfolg der Myomembolisation wurde mit dem Prädikat der höchsten medizinischen Beweiskraft versehen. Weltweit wurden zwischenzeitlich hunderttausende betroffene Frauen mittels der Embolisation erfolgreich behandelt. Daher wurde in der Schweiz die
Uterusmyom-Embolisation im Jahr 2013 durch die Allgemeine Krankenversicherung als wirksame Behandlungsmethode anerkannt und in den Katalog der krankenkassenpflichtigen Leistungen aufgenommen.

Im Interview

PD Dr. med. Sebastian Kos
EBIR FCIRSE

Chefarzt Institut für Radiologie und Nuklearmedizin der Hirslanden Klinik St. Anna
Facharzt FMH für Radiologie
European Board of Interventional Radiology (EBIR) und Fähigkeitsausweis Interventionelle Schmerztherapie 

E: sebastian.kos@hirslanden.ch

www.hirslanden.ch/radiologie-stanna