Inkontinenz

Tabuthema ohne Seltenheitswert

Von Eva Herzog · 2014

Wenn Urin und Stuhlgang nicht richtig kontrolliert werden können, fühlen sich die Betroffenen häufig stigmatisiert.
Dabei handelt es sich bei Inkontinenz längst um keine exotische Krankheit mehr.

Obwohl Inkontinenz noch immer ein Tabuthema ist, zeigen die Zahlen, dass es sich längst nicht mehr um Einzelfälle handelt. Immerhin sind in der Schweiz 500.000 Personen davon betroffen. Doch unsere Gesellschaft hat häufig Schwierigkeiten damit, wenn Menschen ihren Stuhl- und Urinabgang nicht mehr kontrollieren können. 
Kinder werden schon in der Kinderkrippe dazu erzogen, so früh wie möglich «trocken» zu werden. Ist das Kind eine Woche trocken, wird in manchen Kitas feierlich eine Pipimedaille verliehen; Stolz der Eltern inklusive. Dass man lernt, zur Toilette zu gehen, wenn man muss, gilt also spätestens ab Kindergartenalter als selbstverständlich. Umso schlimmer wird es, wenn das nicht mehr geht, denn den Urin und Stuhlabgang nicht mehr kontrollieren zu können, belastet das Selbstwertgefühl der Betroffenen stark. Häufig führt das eigene Schamgefühl dazu, dass sich die Betroffenen zurückziehen, aus Angst vor peinlichen Situationen und daraus kann auf Dauer ein Leben in Einsamkeit werden. Dramatisch ist das insofern, als dass viele Formen der Inkontinenz gut behandelbar sind.
Die Ursachen für ungewollten Urin- und Stuhlabgang sind sehr verschieden und je nach Symptomen unterscheidet man Dranginkontinenz, neurogene Inkontinenz, Stressinkontinenz und Überlaufinkontinenz. Es existieren allerdings auch Mischformen, die sich nicht immer ganz klar abgrenzen lassen.
Die Dranginkontinenz bezeichnet einen plötzlichen, starken, zwanghaften Harndrang, bei dem die Betroffenen es nicht mehr rechtzeitig schaffen, die Toilette aufzusuchen. Verursacht wird dies durch plötzliche Kontraktionen der Blasenentleerungsmuskulatur. Diese können durch chronische Blasenentzündungen oder auch Tumore und Übergewicht entstehen.
Anders bei der neurogenen Inkontinenz: hier ist die Verbindung zwischen Gehirn und den für die Blasenfunktion verantwortlichen Rückenmarkszentren gestört. Das kann bei einer Querschnittslähmung oder nach einem Schlaganfall der Fall sein kann. Aber auch Diabetes mellitus, Morbus Parkinson und Multiple Sklerose kommen als Grunderkrankungen infrage.

Körperliche Anstrengung und schwache Muskulatur 

Bei der Stressinkontinenz handelt es sich um eine Inkontinenz, die durch ein Missverhältnis zwischen Belastbarkeit und tatsächlicher Belastung der Blasenverschlussmechanismen ausgelöst wird. Bei starker körperlicher Anstrengung, heftigem Niesen, Husten oder Pressen verlieren die Betroffenen Urin, ohne Harndrang zu verspüren. Ursache kann ein Östrogenmangel nach der Menopause sein, oder eine schwache Beckenbodenmuskulatur in Folge einer Geburt. Damit verbunden sind häufig Absenkungen von Gebärmutter, Blase und Enddarm. Auch körperliches Übergewicht kann ähnliche Folgen haben. Dabei entsteht durch die grosse Masse im Bauchraum ein vermehrter Druck nach unten, der Organe wie Harnblase oder Darm in ihrer natürlichen Arbeitsweise beeinträchtigt und damit vor allem deren Schlussmechanismus.

Das Mass ist voll

Bei der Überlaufinkontinenz handelt es sich um eine Abflussstörung der Blase. Bei Frauen häufig ausgelöst durch eine Gebärmuttersenkung, bei Männern durch eine Prostatavergrösserung. Die Blase weitet sich, kann sich aber nicht mehr zusammenziehen. Sie «läuft über».

Früherkennung und schnelle Therapie verbessern die Lebensqualität

Gibt es einen Verdacht auf Inkontinenz, ist eine schnelle, medizinische Abklärung ratsam, denn wie bei vielen Krankheiten gilt: Je früher erkannt, umso besser!
Zur Sicherung der Diagnose werden neben der gynäkologischen Abklärung unter anderem Sonografie, urodynamische Messmethoden oder eine Blasenspiegelung angewandt.
Je schneller klar ist, um welche Form der Inkontinenz es sich handelt, umso schneller können entsprechende Massnahmen getroffen werden. Neben Medikamenten, die den Tonus des Blasenmuskels beeinflussen, erzielen auch vaginale Östrogenzäpfchen gute Erfolge. Auch regelmässiges Training des Beckenbodens und eine Änderung der Trink- oder Miktionsgewohnheiten können Abhilfe schaffen. Manchmal ist aber auch eine Operation notwendig, denn wenn andere Organe, oder ein Tumor den Abfluss der Blase beeinträchtigen, kann der Urin nicht abfliessen. Als Folge ist ein Rückstau in die Niere möglich, was zu einer Niereninsuffizienz und Harnvergiftung führen kann. Kann die Inkontinenz durch medizinische Massnahmen nicht oder nicht vollständig beseitigt werden, gibt es spezielle und mittlerweile sehr diskrete Inkontinenzversorgungen, die den Alltag ebenfalls erleichtern.