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Interview

«Krebs erfordert ein starkes Selbstwertgefühl»

Von Dr. med. Heidi S. Dazzi, TUCARE · 2017

Katerina Schofield Shina Schorno Josephina Bol Martina Imhof medizinische Praxisassistentin Pflegefachfrau Onkologie Pflegefachfrau Onkologie medizinische Praxisassistentin

Viele Krebskranke haben grosse Probleme, ihr äusseres Erscheinungsbild zu akzeptieren. Was sie ändern sollten und was wichtig im Umgang mit der Erkrankung ist, erläutert Dr. med. Heidi S. Dazzi.

Frau Dr. Dazzi, mit welchen körperlichen, aber auch psychischen Veränderungen haben die meisten Patientinnen infolge einer Krebserkrankung zu kämpfen?

Krebskranke müssen lernen damit zu leben, dass sie plötzlich anders aussehen: Sie verlieren Haare, Augenbrauen und Wimpern und sind häufig von Gewichtsverlust, aber auch von Gewichtszunahme betroffen. Neben fahler und trockener Haut erinnern Operationsnarben täglich an die Erkrankung. Viele Frauen fühlen sich durch nachlassende Muskelkraft nicht nur schwach, sondern nach zum Beispiel einer Brust-Operation regelrecht verunstaltet, sodass sie das Gefühl haben, gar nicht mehr richtig Frau zu sein. Das kann zu nachlassender Fähigkeit führen, sich auf Neues einzulassen und sich am ganz normalen, alltäglichem Leben zu erfreuen: Auch wenn einen die Krebserkrankung auf eine harte Probe stellt, ist doch noch lange nicht alles verloren!

Wie unterstützen Sie Ihre Patientinnen, um diese für sie so dramatische Situation zu bewältigen?

Mir liegt sehr viel daran, die Patientinnen darin zu bestätigen, dass auch Äusserliches wichtig
ist – so wichtig wie Blutwerte oder Narben. Man sollte nicht aus Angst darüber hinweggehen oder dies gar als nebensächliche Eitelkeit abtun. Ich rate meinen Patientinnen immer hinauszugehen in einen gelebten Alltag und sich dort öffentlich von ihrer schönsten Seite zu zeigen. Und zwar nicht aus Trotz, sondern weil ihnen die Teilnahme am Leben und an der Gesellschaft gut tut.

Haben Sie für Patientinnen bestimmte Pflegetipps?

Zunächst ist es wichtig, den eigenen Körper mit liebevoller Aufmerksamkeit zu pflegen,
ihn nicht mehr als etwas Bedrohliches oder gar Hässliches zu empfinden. Der Körper ist kein vom Krebs verunstalteter und dem Zerfall geweihter Gegenstand. Da viele Therapien oft eine sehr trockene und zu Entzündungen neigende Haut und Schleimhaut mit sich bringen, ist eine sorgfältige Pflege, sanftes Reinigen und gutes Eincremen der Hände und Füsse
wohltuend – was übrigens auch für Männer gilt. Wer sich in seiner Haut wohl fühlen will,
muss diese pflegen. Dann sind auch positive Reaktionen von Mitmenschen gut möglich.

Dennoch ist es auch für diese nicht leicht, mit so einer Situation umzugehen!

Das ist richtig. Leute, die die Betroffenen kennen und lieben, erschrecken vielleicht im ersten Moment – gerade, wenn sie sich längere Zeit nicht gesehen haben. Aber sie erkennen sehr bald, dass Erkrankte nicht allein auf ihr Krebsleiden zu reduzieren sind.

Wie gelingt es Ihnen Patientinnen aufzubauen?

Wir bieten beispielsweise einen kostenlosen Beauty-Workshop, der alles Wissenswerte über Hautpflege und Make-up beinhaltet. Hierfür vermitteln wir professionelle Kosmetikerinnen,
die alle ehrenamtlich für die Stiftung «look good feel better» arbeiten.
Die Beauty-Workshops geben den Teilnehmenden zudem die Gelegenheit, in ungezwungenem Rahmen mit anderen Betroffenen in Kontakt zu kommen und Erfahrungen auszutauschen,
was von allen ausserordentlich geschätzt wird. Ziel ist es, gemeinsam das Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl unserer Patientinnen wiederherzustellen und zu stärken.

Gerade im Umgang mit Krebserkrankungen spielt die psychologische Arbeit eine wesentliche Rolle. Können Sie diese selbst leisten oder braucht es dazu einen Psychologen?

Wir bieten dies sowohl als auch, ganz entsprechend dem individuellen Bedarf.
Neben Empathie, die wir unseren Patientinnen entgegenbringen, bin ich sehr froh,
dass in der TUCARE unsere Psychoonkologin parallel und doch ganz unabhängig ihre Fachkompetenz einbringt. Mir ist es ganz wichtig, sowohl die Vorgeschichte der Patientinnen in die Gespräche einzubinden, als auch das soziale Netz zu beleuchten. Nicht jedermann hat das Glück, von der Familie aufgefangen zu werden beziehungsweise mit einer starken Persönlichkeit ausgestattet zu sein.

Haben Sie abschliessend für Krebs-Patientinnen noch einen Ratschlag, wie sie ihr Selbstwertgefühl stärken können?

Ganz entscheidend ist es, sich so zu akzeptieren, wie man ist. Das heisst im Umkehrschluss jedoch nicht, sich gehen zu lassen, sondern brachliegende Ressourcen zu erkennen und auszuschöpfen.

Im Interview

Dr. med. Heidi S. Dazzi
Fachärztin FMH für Innere
Medizin, Onkologie und Häma­tologie MSC Palliative Medizin Ärztliche Leitung TUCARE Dietikon – Zentrum für Tumor- und Blut­erkrankungen